Moralische Panik im Bücherregal
Gewalt in Thrillern wird akzeptiert. Bestimmte Tabus dagegen lösen sofort moralische Panik aus. Warum eigentlich?
Psychothriller dürfen offenbar vieles:
Menschen zerstückeln
Foltern
Manipulieren
Morden
Traumata verteilen wie Gratisproben im Supermarkt
Kein Problem. Solange die Leiche atmosphärisch ausgeleuchtet ist und im Hintergrund ein düsteres Klavier klimpert, wird erstmal gemütlich Popcorn geholt. Aber sobald ein Buch bestimmte sexuelle oder familiäre Tabus berührt, verändert sich plötzlich die komplette Stimmung. Dann springt bei manchen Menschen augenblicklich das moralische Rauchmeldersystem an.
Tabus treffen plötzlich persönlich
In einem meiner Bücher kommt das Thema Inzest vor. Ich werde weder das Buch nennen noch die genaue Konstellation verraten. Spannung funktioniert schließlich schlecht, wenn man Spoiler verteilt wie Kamelle an Karneval.
Interessant waren allerdings weniger die Diskussionen über die Geschichte selbst. Interessant waren die Reaktionen auf die reine Existenz des Themas. Denn Menschen lesen teilweise problemlos Bücher voller Gewalt, psychologischer Zerstörung und menschlicher Abgründe, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Literarische Gewalt wird inzwischen konsumiert wie Chips auf der Couch.
Menschen sind wirklich faszinierende Spezies. Solange die Leiche fiktional hübsch ausgeleuchtet ist, funktioniert die Abendunterhaltung erstaunlich reibungslos.
Dann beginnt die moralische Kernschmelze
Sobald allerdings bestimmte sexuelle oder familiäre Tabus auftauchen, passiert plötzlich etwas anderes.
Dann kommen zuverlässig Kommentare wie:
»Krank.«
»Sowas muss doch nicht sein.«
»Dafür braucht es Triggerwarnungen.«
»Wie kann man über sowas schreiben?«
»Du solltest dich mal ernsthaft untersuchen lassen.«
Und nein: Dabei ging es oft nicht einmal um die Qualität der Geschichte oder die Art der Darstellung. Sondern schlicht darum, DASS das Thema in meinem Roman vorkam. Das allein reichte teilweise schon aus, um Menschen komplett eskalieren zu lassen.
Was ich dabei besonders faszinierend fand: Einige Leser bezeichneten die Thematik ernsthaft als unrealistisch.
Inzest. Unrealistisch. Natürlich.
Ein kurzer Urlaub im Sauerland würde eventuell helfen. Die Realität ist manchmal deutlich kreativer als Literatur. Leider.
Fantasy macht Tabus offenbar salonfähig
Besonders lustig wird das Ganze allerdings, wenn man bedenkt, welche Geschichten gesellschaftlich völlig problemlos akzeptiert werden.
Ein erheblicher Teil der Menschen, die sich über solche Themen empören, hat vermutlich ohne Schwierigkeiten Game of Thrones geschaut.
Eine Geschichte, deren gesamter Plot ohne Inzest ungefähr nach drei Folgen in sich zusammenfallen würde wie ein IKEA-Regal nach drei Umzügen.
Vielleicht geht Inzest gesellschaftlich besser angesehen, wenn nebenbei Drachen durch die Gegend fliegen und Menschen in mittelalterlichen Palästen bedeutungsvoll Wein trinken. Offensichtlich löst das viele Probleme.
Memo an mich: Kessler* im nächsten Psychothriller einfach einen Drachen reiten lassen.
Nicht jede Meinung ist Kritik
Und ja, ich habe wegen dieser Diskussionen einige Menschen in auf Instagram blockiert.
Nicht wegen Kritik. Kritik an meinen Büchern ist vollkommen legitim.
Zwischen: »Das Thema war nichts für mich.« und »Mit dir stimmt psychisch etwas nicht, weil du darüber schreibst.« liegt allerdings ein ziemlich gewaltiger Unterschied. Das eine ist Literaturkritik. Das andere ist der Versuch, Autoren psychologisch zu diagnostizieren, weil man ein Buch gelesen hat.
Eine Beschäftigung, die erschreckend viele Menschen ausüben, obwohl sie vermutlich schon an der Bedienungsanleitung eines Druckers scheitern würden und danach den Drucker für manipulativ halten.
Das Internet hat irgendwann kollektiv beschlossen, dass Menschen plötzlich Hobby-Psychologen sind, sobald sie einen Thriller gelesen und drei TikToks über Narzissmus konsumiert haben.
Eine wirklich beeindruckende gesellschaftliche Entwicklung. Nicht im positiven Sinne. Aber beeindruckend.
Psychothriller sind keine Wohlfühlräume
Psychothriller sind keine gemütlichen Safe Spaces mit emotionaler Fußbodenheizung. Sie sollen verstören. Sie sollen Grenzen berühren, die unangenehm sind. Dinge zeigen, die Menschen lieber verdrängen würden.
Genau deshalb lesen viele Menschen dieses Genre überhaupt.
Nicht trotz der Dunkelheit. Sondern wegen ihr.
Denn Tabus üben seit jeher eine seltsame Faszination auf Menschen aus. Literatur macht sichtbar, worüber Gesellschaften normalerweise schweigen. Und manchmal reagieren Menschen nicht aggressiv auf solche Themen, weil sie unrealistisch wären. Sondern weil sie unangenehm nah an der Realität liegen.
Fiktion verliert gegen die Realität
Ich werde weiterhin über Tabus schreiben. Auch wenn mir inzwischen mehrfach vorgeworfen wurde, ich würde diese Themen nur benutzen, um zu provozieren.
Die Realität da draußen ist so viel kranker als fast alles, was mein Gehirn und ich uns gemeinsam ausdenken könnten.
An dieser Stelle deshalb ein herzliches Dankeschön an alle Psychopathen dieser Welt.
Ihr seid für Autoren wirklich unfassbar wertvoll.



Moment... Drucker SIND manipulativ. Ich weiß, daß meiner absichtlich bei mir einen archaisch anmutenden Blutrausch auslöst, nur um sich anschließend drüber lustig zu machen.