Was darf ein E-Book eigentlich kosten?
Warum kosten E-Books eigentlich Geld? Eine ehrliche Abrechnung über Selfpublishing, kreative Arbeit und den Preis von Büchern.
Oder anders gefragt: Wie berechnet man den Wert eines Buches, ohne unterwegs den Verstand, die Geduld und den letzten Funken Menschenliebe in einer brennenden Mülltonne hinter einem Netto zu verlieren?
Denn erstaunlicherweise wird genau diese Diskussion bei Büchern geführt. Besonders bei E-Books. Besonders bei Selfpublishern. Kaum kostet ein digitales Buch mehr als ein räudiger Energy-Drink mit Koffeinvergiftungsgarantie, taucht zuverlässig irgendwo im Internet eine Person auf, die erklärt: »Also mehr als Betrag XY würde ich dafür aber niemals bezahlen.«
Faszinierend.
Vor allem, weil dieselbe Person vermutlich letzte Woche völlig schmerzfrei 18 € für Kino, Nachos und eine Cola bezahlt hat, um zwei Stunden lang zuzusehen, wie ein Mann im Spandexanzug New York zum siebenundvierzigsten Mal vor einem explodierenden Himmel rettet.
Der Film gehört ihr danach übrigens auch nicht.
Die Nachos haben zu diesem Zeitpunkt vermutlich bereits den Verdauungstrakt erreicht.
Aber beim E-Book beginnt plötzlich die große Eigentumsdebatte. Menschen behandeln digitale Bücher teilweise wie herrenlose PDF-Dateien, die nachts irgendwo unter einer Brücke gefunden wurden.
Aber in jedem E-Book stecken Stunden an Arbeitszeit. Und diese hat ein Recht auf Bezahlung.
Wie berechnet man Arbeitszeit überhaupt?
Theoretisch klingt das einfach. Man könnte sagen: »Ich rechne einfach aus, wie viele Stunden ich an einem Buch gearbeitet habe.«
Praktisch scheitert das schon daran, dass kreatives Arbeiten ungefähr so sauber dokumentierbar ist wie ein Kokainabend mit drei Influencern und einem schlecht erzogenen Dackel.
In Papyrus kann ich zwar sehen, wie lange einzelne Dokumente geöffnet waren. Das Problem ist nur: Ich arbeite nicht in einem einzigen Dokument. Ich habe alte Fassungen, Notizen, Szenensammlungen, Recherchedateien, Überarbeitungsstände, Textfriedhöfe voller gelöschter Kapitel, spontane Ideen, chaotische Zwischenlösungen und emotionale Eskalationen in Dateiform.
Natürlich könnte ich auch jede Schreibsession mit einer Stoppuhr erfassen. Ich könnte mir allerdings auch freiwillig mit einem Hammer gegen das Schienbein schlagen und würde emotional vermutlich denselben Mehrwert daraus ziehen.
Dazu kommt die eigentliche Schwierigkeit: Was zählt überhaupt als Arbeitszeit? Nur das Schreiben? Also nur der Moment, in dem Finger aktiv auf Tasten drücken?
Dann wären Recherche, Plotentwicklung, Figurenaufbau, Überarbeitung, Lektoratsdurchgänge, Korrekturen, Weltenbau, Veröffentlichungsorganisation, Klappentext, Metadaten, Coverplanung und Marketingvorbereitung offenbar magisch kostenlos.
Und was ist mit den Momenten, in denen Szenen im Kopf weiterlaufen, obwohl man offiziell gerade einkaufen, duschen oder schlafen sollte wie ein halbwegs funktionierender Mensch?
Ein Buch entsteht nicht nur am Schreibtisch. Ein Teil davon entsteht nachts um halb zwei, wenn man plötzlich kerzengerade im Bett sitzt, weil einem einfällt, dass Kapitel 14 logisch komplett implodiert und man die letzten vier Wochen Arbeit theoretisch auch direkt in einen Schredder werfen könnte.
Wer nur die Finger auf der Tastatur zählt, hat noch nicht verstanden, wie ein Buch entsteht.
Der Stundenlohn des Wahnsinns
Für ein einziges Buch verbringe ich ungefähr 720 Stunden mit Schreiben, Überarbeiten, Löschen, neu schreiben, Kaffee trinken, Existenzkrisen, innerlich sterben und anschließend trotzdem weitermachen, weil Selfpublishing im Kern einfach ein Stockholm-Syndrom mit ISBN ist.
Rechnet man das mit einem Stundenlohn von 13,90 €, landet man bei ungefähr 10.008 €.
Und das nur für die reine Arbeitszeit.
Wichtig dabei: Ich rechne hier bewusst lediglich mit dem gesetzlichen Mindestlohn.
Nicht mit irgendeinem Luxusgehalt. Nicht mit kreativer Elitevergütung. Nicht mit einem akademischen Mediengehalt. Sondern mit dem absoluten Minimum, das in Deutschland offiziell überhaupt als Arbeit anerkannt wird.
Und selbst damit landet man bereits bei einer Summe, bei der manche Menschen Schnappatmung bekommen, sobald ein E-Book mehr als 4,99 € kostet.
Dabei wird oft vergessen, dass moderne Selfpublisher längst nicht mehr nur Bücher schreiben.
Würde man diese Arbeit auf klassische Angestelltenberufe herunterbrechen, läge sie vermutlich irgendwo zwischen Redaktion, Mediengestaltung, Content-Marketing und Medienmanagement.
Vergleichbare Berufe im Medien- und Contentbereich liegen aktuell durchschnittlich bei ungefähr 25 € brutto pro Stunde.
Denn Selfpublisher schreiben heute nicht nur Bücher. Sie übernehmen oft zusätzlich Coverdesign, Werbung, Social Media, Veröffentlichungsplanung, Metadatenpflege, Sichtbarkeit und kompletten Markenaufbau selbst.
Oder anders gesagt: Früher schrieb man Manuskripte. Heute betreibt man nebenbei versehentlich noch eine kleine Medienagentur mit emotionalem Totalschaden.
Ohne Cover. Ohne Lektorat. Ohne Korrektorat. Ohne Werbung. Ohne Veröffentlichungskosten. Ohne die psychischen Folgeschäden, die entstehen, wenn Amazon dir morgens eine Verkaufsstatistik schickt, die aussieht wie der Puls eines sterbenden Goldfischs.
Nicht enthalten sind außerdem mögliche Probedrucke, zusätzliche Kosten für Distributoren oder Printausgaben. Manche Anbieter verlangen zusätzliche Gebühren, bevor überhaupt irgendetwas verkauft wird. Und bei Printbüchern wird die Sache oft noch absurder, weil die Gewinnspanne dort je nach Anbieter teilweise unter 1 € pro verkauftem Exemplar liegt.
Deshalb konzentriere ich mich hier ausschließlich auf das E-Book.
Alles andere würde den Rahmen sprengen und mich vermutlich direkt in eine ausgewachsene geistige Existenzkrise katapultieren.
Natürlich bekomme ich diese 10.008 € nicht einfach überwiesen, während ich gemütlich vor mich hinschreibe und innerlich zerfalle. Diese Summe ist keine reale Rechnung, die plötzlich aus der Hölle gefaxt wird. Sie zeigt lediglich, welchen theoretischen Wert meine eigene Arbeitszeit hätte, wenn man sie überhaupt wie normale Arbeit behandeln würde.
Denn genau das ist der Punkt: Wenn ich meiner eigenen Arbeitszeit überhaupt keinen finanziellen Wert zuweise, arbeite ich im Grunde gratis und erkläre meine eigene Leistung automatisch zum bedeutungslosen Hobby.
Und genau das passiert bei kreativer Arbeit erschreckend oft.
Autorenarbeit ist Arbeit.
Nicht bloß ein kleines Hobby zwischen Duftkerze, BookTok und einer traurigen Vanille-Latte-Ästhetik, bei der Menschen so tun, als würden Romane aus Mondlicht und Zimt bestehen.
Professionelles Lektorat und Korrektorat
Dann kommen die Kosten, die tatsächlich real existieren und nicht nur theoretisch meine mentale Stabilität mit einem Baseballschläger bearbeiten.
Bei ungefähr 300 Normseiten liegen die durchschnittlichen Kosten bei etwa 750 bis 1.200 € fürs Korrektorat und 1.200 bis 2.100 € fürs Lektorat. Zusammen also ungefähr 2.000 bis 3.300 €.
Und nein: Eine Normseite bedeutet nicht: »Ich habe Word auf Schriftgröße 72 gestellt und drei dramatische Sätze geschrieben.«
Eine Normseite umfasst ungefähr 1.500 Zeichen inklusive Leerzeichen. Nur zur Sicherheit. Das Internet überrascht mich inzwischen regelmäßig mit seiner Fähigkeit, selbst einfachste Konzepte gegen die Wand zu fahren.
Covergestaltung ist nicht plötzlich kostenlos, nur weil man sie selbst macht
Ich gestalte meine Cover selbst. Nicht, weil ich nachts heimlich mit Adobe Photoshop verheiratet bin, sondern weil ich früher selbstständig als Fotografin gearbeitet habe und offenbar eine chronisch schlechte Beziehung zu Freizeit entwickelt habe.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Arbeit kostenlos wäre.
Für ein Cover sitze ich ungefähr 42 bis 56 Stunden. Rechnet man das ebenfalls mit 13,90 € pro Stunde, landet man bei ungefähr 583,80 bis 778,40 € theoretischen Arbeitskosten.
Selbermachen spart also kein Geld. Es bedeutet nur, dass niemand bezahlt wird, während man sich freiwillig den eigenen geistigen Zerfall organisiert wie ein Ein-Personen-Zirkus auf Koffeinbasis.
Die Gesamtkosten eines einzigen E-Books
Wenn man alles zusammenrechnet, landet man ungefähr bei 12.592 bis 14.086 €.
Für ein einziges Buch.
Und nein: Da ist noch nicht einmal alles enthalten.
Nicht drin sind Werbung, Social-Media-Arbeit, Communitypflege, Sichtbarkeit, Contentproduktion, Marketingzeit und spontane emotionale Zusammenbrüche wegen Verkaufszahlen.
Die habe ich aus Selbstschutz irgendwann nicht mehr berechnet. Irgendwann muss man seinem Nervensystem auch signalisieren, dass man es zumindest theoretisch noch am Leben erhalten möchte.
Und was kommt davon eigentlich zurück?
Ein E-Book kostet bei mir ungefähr 4,99 €. Davon bleiben mir bei KDP ungefähr 3,23 € pro Verkauf.
Das bedeutet: Um allein die theoretischen Kosten eines einzigen Buches wieder einzuspielen, bräuchte ich ungefähr 3.899 bis 4.361 Verkäufe.
Nicht Gewinn.
Nicht Luxus.
Nicht: »Autoren verdienen sich dumm und dämlich.«
Nur: Null.
Der wunderschöne wirtschaftliche Zustand namens: »Herzlichen Glückwunsch. Der finanzielle Schaden wurde theoretisch neutralisiert.«
Praktisch fühlt sich das ungefähr so an, als würde man nach einem Autounfall gesagt bekommen, dass immerhin die Warnblinkanlage noch funktioniert.
Nicht enthalten ist übrigens auch der Moment, in dem das Finanzamt im Folgejahr freundlich an die Tür der Realität klopft und daran erinnert, dass kreative Selbstzerstörung selbstverständlich trotzdem steuerpflichtig bleibt.
Ich bin verheiratet und in Steuerklasse 5.
Das bedeutet vereinfacht gesagt: Der Staat schaut sich meine Abrechnung an und entscheidet anschließend, dass ich offenbar aus purer Leidenschaft existiere und Geld vermutlich nur ein optionales Hobby für andere Menschen ist.
Es gibt wenige Erfahrungen, die so spirituell zermürbend sind wie nachts um halb eins mit verheultem Gesicht vor einer Steuerabrechnung zu sitzen und sich zu fragen, ob man nicht vielleicht doch einfach Ziegenzüchter in Norwegen hätte werden sollen.
Der seltsame Sonderfall Buch
Das Interessante ist gar nicht, dass Menschen Preise vergleichen. Das macht jeder. Spannend wird es dort, wo Bücher plötzlich anders bewertet werden als andere Unterhaltungsformen.
Niemand verlässt das Kino und sagt: »Also technisch gesehen gehört mir der Film jetzt gar nicht.«
Bei E-Books wird genau dieses Argument regelmäßig gebracht.
Und irgendwo zwischen diesen beiden Denkweisen sitzt wahrscheinlich ein Philosoph mit Alkoholproblem in einer schlecht beleuchteten Küche und fragt sich, warum die Menschheit kulturell irgendwann falsch abgebogen ist.
Was ist ein Buch am Ende wirklich wert?
Natürlich darf jeder Leser selbst entscheiden, wie viel Geld er für Bücher ausgeben möchte. Niemand ist verpflichtet, ein E-Book für 4,99 €, 6,99 € oder mehr zu kaufen.
Aber daraus folgt nicht automatisch, dass andere Menschen deshalb kein Recht hätten, ihre Arbeit höher zu bewerten.
Gerade im Selfpublishing trägt der Autor das Risiko, die Kosten, die Verantwortung, die Arbeitszeit und die komplette Organisation selbst. Dann darf er auch entscheiden, welchen Preis er für angemessen hält, ohne behandelt zu werden, als hätte er gerade den globalen Aktienmarkt angezündet.
Denn am Ende geht es nicht nur um Marktpreise. Sondern um eine viel unbequemere Frage:
Was ist kreative Arbeit eigentlich wert?
Und warum erwarten wir so oft, dass gerade Kunst möglichst billig sein soll?
Und genau an diesem Punkt kippt die Diskussion manchmal komplett ins Absurde.
Mir hat auf TikTok tatsächlich einmal jemand erklärt, dass ich als Selfpublisherin ohnehin keine »richtige« Autorin sei. Wenn mich kein Verlag genommen hätte, müsse ich dementsprechend schlecht sein. Deshalb sollte ich froh sein, wenn überhaupt jemand meine Bücher lese.
Und beim Preis solle ich am besten bei 99 Cent bleiben.
Das war einer dieser Momente, in denen man kurz innehält und sich fragt, ob manche Menschen beim Schreiben solcher Kommentare eigentlich von einer Mischung aus Überheblichkeit und WLAN betrieben werden.
Denn hinter solchen Aussagen steckt eine ziemlich unangenehme Vorstellung: dass kreative Arbeit plötzlich weniger wert sei, sobald sie außerhalb eines Verlags entsteht. Als würden Geschichten magisch besser werden, sobald irgendwo ein Verlagssignet aufs Cover geklebt wird wie ein literarischer TÜV-Stempel für kreative Existenzberechtigung.
Fazit
Irgendwann bleibt trotzdem eine einzige Frage übrig: Wie viel ist mir meine eigene Arbeit wert?
Ich habe sie berechnet. Das Ergebnis kennt ihr jetzt.
Was ihr damit macht, ist eure Sache. Kauft, was ihr wollt. Aber tut nicht so, als wäre der Preis vom Himmel gefallen. Er wurde nachts um halb zwei im Bett kalkuliert, zwischen Panik und Plotloch.
Und während ich das hier schreibe, diskutiert irgendwo ein Kommentarspalten-Rambo auf Amazon darüber, ob 4,99 € nicht vielleicht doch ein bisschen frech seien.



Zum Glück habe ich die Zeit von meinem ersten Büchlein gar nicht erst getrackt, weil ich schon wusste, dann muss ich nur noch weinen. Ich hab’s jetzt mit deinen Zahlen überschlagen und kommt mit meinem regulären Stundensatz (als Selbständige) auf mehr als mein früheres Jahresgehalt 😵💫
Vielleicht kommt daher der Hass auf die Kreativen: Wir investieren unglaublich viel. Das checkt jeder, der mehr als 3 Gehirnzellen hat. Und in den meisten Menschen löst das leider einfach nur eine Wagenladung Neid aus.
Aaaah, man könnte über das Thema endlos philosophieren!
4,99€? 😳 ich dachte das sind nur die Schnäppchen-Preise. Ich muss sagen, dass ich nicht auf den Preis bei einem Buch schaue. Entweder die Beschreibung catched mich oder eben nicht. Auch für ein e-book gebe ich gerne 20€ aus, wenn ich es lesen will. Wenn das Geld da ist, gebe ich es lieber für ein Buch aus, ins Kino gehe ich nur noch selten. Zu teuer für das gebotene😉