Früher mussten Autoren Bücher schreiben
Autoren sollen heute schreiben, posten, sichtbar bleiben und gleichzeitig kreativ funktionieren. Warum das viele erschöpft.
Es gab mal eine Zeit, da bestand die Hauptaufgabe eines Autors darin, ein gutes Buch zu schreiben.
Nicht fünf Plattformen gleichzeitig zu bespielen. Nicht täglich Storys hochzuladen. Nicht TikToks zu schneiden, in denen dramatische Musik über Szenen läuft, während irgendwo eingeblendet wird: »Dieses Buch hat mich emotional zerstört.«
Heute reicht Schreiben allein oft nicht mehr aus.
Heute sollen Autoren gleichzeitig Contentmaschinen, Marketingabteilungen, Communitymanager, Entertainer und emotionale Support-Hotlines sein. Möglichst nahbar natürlich. Möglichst authentisch. Wobei Authentizität inzwischen häufig so wirkt wie eine Dauerperformance unter Studiobeleuchtung.
Das Absurde daran ist nicht einmal, dass Sichtbarkeit wichtig geworden ist. Das war sie schon immer.
Das Absurde ist die Menge.
Schreiben.
Posten.
Kommentieren.
Reagieren.
Reels drehen.
Trends verstehen.
Algorithmen analysieren.
Präsent bleiben.
Emotionale Bindung erzeugen.
Und irgendwo zwischen all dem soll dann noch ein Roman entstehen.
Ein vollständiges Buch. Mit Figuren. Spannung. Atmosphäre. Überarbeitung. Logik. Emotion. Sprache.
Diese nebensächliche Kleinigkeit eben.
Autoren waren nie unsichtbar.
Aber Öffentlichkeit funktioniert heute anders
Natürlich stimmt es nicht, dass Autoren früher einfach nur geschrieben und ansonsten wie literarische Maulwürfe im Wald gelebt hätten.
Autoren waren schon immer öffentliche Figuren.
Johann Wolfgang von Goethe betrieb Selbstvermarktung. Es gab Lesereisen, Feuilletons, Interviews, öffentliche Skandale, Netzwerke und Inszenierung lange bevor irgendjemand den Begriff Personal Branding erfunden hat, um Menschen auf LinkedIn in spirituelle Excel-Tabellen zu verwandeln.
Der Unterschied liegt woanders.
Früher unterstützte Öffentlichkeit das Werk. Heute ersetzt Öffentlichkeit das Werk teilweise.
Das Buch allein reicht oft nicht mehr. Zumindest nicht im digitalen Raum.
Heute soll der Autor zusätzlich dauerhaft sichtbar sein. Nicht einmal pro Buch. Nicht einmal nur zur Veröffentlichung.
Sondern permanent.
Die Grenze zwischen Kunstfigur, Privatperson, Marketingstrategie und Contentlieferant verschwimmt zunehmend.
Früher wurde primär das Buch vermarktet. Heute wird oft der Mensch hinter dem Buch zur eigentlichen Plattform.
Und genau dort beginnt für viele Autoren die Erschöpfung.
Denn Social Media verlangt keine gelegentliche Öffentlichkeit.
Es verlangt Dauerverfügbarkeit.
Nicht: »Hier ist mein neues Buch.«
Sondern: »Zeig dich. Erzähl mehr. Sei nahbar. Sei sichtbar. Sei interessant. Sei unterhaltsam. Aber bitte täglich.«
Das Problem ist dabei nicht einmal nur der Zeitaufwand.
Sondern die psychologische Verschiebung.
Denn plötzlich reicht es nicht mehr, Geschichten zu erzählen.
Man soll zusätzlich selbst permanent erzählbar werden.
Der Algorithmus will keine Ruhe. Er will Futter!
Früher haben Verlage einen großen Teil des Marketings übernommen.
Heute sitzt der Autor nachts um 23:40 Uhr vor Canva, starrt auf drei leicht unterschiedliche Schriftarten und googelt Dinge wie:
»Warum performt mein Reel schlechter, wenn ich Untertitel benutze?«
Oder: »Wie oft darf ich das Wort Buch in einer Caption verwenden, bevor Meta mich wie biologischen Sondermüll behandelt?«
Das Problem daran ist nicht nur der Zeitaufwand.
Es ist die permanente mentale Zersplitterung.
Kreativität funktioniert selten gut unter Dauerbeschallung. Geschichten brauchen Konzentration. Tiefe. Innere Ruhe. Gedankliche Versenkung.
Das Internet dagegen funktioniert wie ein hyperaktives Kleinkind mit WLAN, Koffeinvergiftung und Pushbenachrichtigungen.
»Schreib ein Kapitel.«
»Beantworte Kommentare.«
»Plane Content.«
»Vergiss deine Story nicht.«
»Hier sind übrigens drei neue Trends, die du bereits verpasst hast.«
Manchmal fühlt sich modernes Autorendasein an, als würde man versuchen, einen Roman zu schreiben, während gleichzeitig jemand neben einem mit Kochtöpfen Schlagzeug spielt.
Und das alles oft für einen rechnerischen Stundenlohn, bei dem vermutlich selbst ein mittelmäßig motivierter Paketbote kurz mitleidig nicken würde.
Wenn man Produktionszeit, Marketing, Überarbeitung, Organisation, Social Media, Cover, Werbung und Verwaltung realistisch gegenrechnet, landen viele Autoren teilweise bei etwas wie 13,90 Euro brutto pro Stunde.
Brutto.
Nicht netto.
Vor Steuern. Vor Krankenversicherung. Vor Altersvorsorge. Vor der kleinen romantischen Erkenntnis, dass kreative Selbstständigkeit manchmal einfach nur bedeutet, sich freiwillig psychisch zu ruinieren, während man gleichzeitig versucht, einen halbwegs ästhetischen Instagram-Feed zu pflegen.
Sichtbarkeit ist längst selbst zum Vollzeitjob geworden
Andere drehen aufwendige Reels. Bauen komplette Fantasy-Kulissen. Machen Cosplays. Filmen Kinotrailer für ihre Bücher. Betreiben nebenbei gefühlt eine halbe Medienagentur.
Und plötzlich wird Sichtbarkeit selbst zum Beruf.
Vor allem für Selfpublisher.
Denn dort gibt es oft keine große Marketingabteilung im Hintergrund. Kein Team. Keine Agentur. Keine Auffangstruktur.
Da sitzt einfach eine einzelne Person nachts zwischen Rohfassungen, Excel-Tabellen, KDP-Dashboards, halbfertigen Reels und kaltem Kaffee und versucht gleichzeitig:
· zu schreiben
· kreativ zu bleiben
· wirtschaftlich zu denken
· und mental nicht komplett auseinanderzufallen.
Sehr romantisch.
Die Kunstwelt, wie man sie sich als Kind vorgestellt hat.
Vielleicht wäre Stephen King heute TikToker geworden
Manchmal frage ich mich ernsthaft, wie jemand wie Stephen King heute überhaupt groß geworden wäre.
Vielleicht wäre er trotzdem erfolgreich geworden.
Aber vermutlich hätte selbst er sich irgendwann mit Fragen beschäftigen müssen wie:
»Warum performt mein Video schlechter als das eines Fantasyautors, der sein Buch zusammen mit Nebelmaschine und Cosplaywolf präsentiert?«
Denn moderne Sichtbarkeit funktioniert nicht mehr nur über Geschichten.
Sondern über Dauerpräsenz.
Meta und TikTok hätten ihn wahrscheinlich nach einer Woche gesperrt.
Und irgendwo auf TikTok würde jemand erklären, dass ES problematisch sei, weil Pennywise keine gesunde Kommunikationskultur fördert.
Was ehrlich gesagt eine der wenigen Zeitlinien ist, in denen ein interdimensionaler Horrorclown plötzlich die vernünftigste Figur im Raum wäre.
Autoren haben auch noch echte Leben
Vielleicht vergessen wir bei all dem manchmal etwas ziemlich Offensichtliches:
Autoren haben auch noch ein echtes Leben.
Familien. Kinder. Termine. Krankheiten. Erschöpfung. Psychische Baustellen. Überforderung. Finanzielle Sorgen. Normale menschliche Katastrophen.
Die meisten versuchen einfach gleichzeitig:
· zu schreiben
· zu funktionieren
· zu überleben
· und online nicht komplett unsichtbar zu werden.
Manche erfolgreicher als andere.
Und vielleicht wäre das Internet insgesamt ein etwas besserer Ort, wenn wir gelegentlich wieder akzeptieren würden, dass Autoren keine wandelnden Contentfabriken sind.
Sondern Menschen, die eigentlich nur Geschichten erzählen wollten.
Ein völlig irrationaler Berufswunsch natürlich.
Fast niedlich, wenn man bedenkt, dass man heute zusätzlich lernen muss, wie man Untertitel auf Reels animiert, damit der Algorithmus einen nicht in denselben digitalen Keller sperrt wie vergessene Myspace-Musiker und Candy-Crush-Streamer mit drei Zuschauern.
Die moderne Literaturwelt ist wirklich ein faszinierender Ort geworden.



Das ist genau der Grund, weshalb ich niemals vom Schreiben würde leben wollen. Meine Nerven würden das nicht durchhalten. Ich sehe das Schreiben und Bücherveröffentlichen als (teures) Hobby neben dem Broterwerb und lasse Social Media größtenteils bleiben. Bzw. mache nur das, was ich will. Auf den Algorithmus habe ich noch nie geachtet.
Wundervoll geschrieben. Genauso sieht es leider aus. Dabei gibt es so viele wertvolle Bücher auf dem Markt, die dann oftmals in diesem nervtötenden Lärm schlechter Beststeller untergehen. Traurig, aber wahr. Was hab ich Zeit, Geld und Herzblut in meinen Roman gesteckt und kämpfe nun um Sichtbarkeit. Es ist erschöpfend.